In Memoriam Dr. rer. nat. Jörg Golo Baumann
24. Mai 1966 bis 28. Januar 2025
von Dr. Sabine Breun, Partnerin privat und beruflich, zum 20. März 2026
Mein persönlicher Nachruf für meinen Mann, der Liebe meines Lebens, meinen besten Freund, meinem engsten Kollegen, den SAJO Co-Gründer, meinen engsten Wegbegleiter, mit Beiträgen von Freund*innen und Wegbegleiter*innen
In liebevoller Erinnerung an Jörg – in Würdigung an ihn und an sein aussergewöhnliches Leben
(Lesezeit ca. 20 Minuten)
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Einer der besten Wissenschaftler in Biologie hat die Erde verlassen
Jörg ist am 28. Januar 2025 nach einem Jahr schwerster Erkrankung von uns gegangen – nach 58 Lebensjahren, nach einer enormen Lebensleistung und nach einem beeindruckenden Lebensweg. Er blieb sich immer treu: aufrichtig, ehrlich und seinen Werten verpflichtet. Jörg war Wissenschaftler und Biologe aus Überzeugung und Leidenschaft, geleitet von unerschöpflicher Neugier. Er ging mit offenen Augen durch die Welt und durch die Natur – ein Wissenschaftler aus ganzem Herzen, ein Rockstar der Wissenschaft und eine große, beeindruckende Persönlichkeit, die wir alle sehr vermissen.
Sein enormes Wissen brachte ihm in seinem Freundeskreis den Ruf ein, der „Yoda der Biologie“ zu sein. Jörg schien alles zu wissen; er war eine wandelnde Bibliothek. Bücher hat er nicht einfach gelesen – er hat sie geradezu verschlungen. Eine weitere große Leidenschaft war gutes Essen. Dass man ihm das bei seiner drahtigen Figur von 1,85 m und 82 kg, seinem zügigen, federnden Gang und seiner jugendlichen, energiegeladenen Erscheinung nicht ansah, war beinahe erstaunlich. Jörg aß mit großer Freude; seine Portionen waren legendär, und wir kochten oft, als würden wir eine Großfamilie versorgen. Ihm beim Essen zuzusehen, war ein schöner Anblick – voller Lebensfreude. Für Jörg war nichts selbstverständlich. Er war ein zutiefst dankbarer Mensch.
Auffallend an Jörg war sein Lachen. Wenn er lachte, strahlte sein ganzes Gesicht; es war ein Lachen aus vollem Herzen. Man konnte ihn nur mögen – oder vielleicht seine Intelligenz fürchten. Dazu bestand allerdings nie ein Grund, denn er setzte sie ausschließlich positiv, angenehm und konstruktiv ein. Jörg strahlte von innen heraus. Das ist mir auch auf all den Fotos aufgefallen, die ich im letzten Jahr durchgesehen habe: Auf fast allen Fotos lacht er.
„Als ich Jörg zum ersten Mal am National Cancer Institute traf, sah ich einen Mann mit einem überbordenden Lächeln. Durch dieses Lächeln strahlte Jörg Begeisterung, Energie, Zielstrebigkeit und Glück aus. Für mich personifizierte Jörg Lebensfreude. Wenn ich an ihn denke, sehe ich dieses Lächeln. Seine Erinnerung zaubert mir ebenfalls ein Lächeln ins Gesicht.“ Ernst aus Maryland, USA
Jörg wirkte immer frisch, jung, wach, humorvoll, optimistisch und eloquent – und zugleich zurückhaltend. Seine optischen Markenzeichen waren seine wirren, grau schattierten Haare, karierte Sakkos oder dunkle Zegna-Anzüge, gern kombiniert mit farbigen Krawatten mit biologischen Motiven. Er wählte pragmatisch, was passte, dem Zweck diente und bequem war. Bunte Turnschuhe rundeten seinen Stil ab; sie waren seine Schuhe der Wahl. Noch entspannter wirkte er mit bunten oder lustigen T-Shirts unter dem Anzug. Zuhause trug er farbenfrohe T-Shirts und farbige Pullover. Ein gepflegtes, ästhetisches und sympathisches Erscheinungsbild war ihm wichtig. Ästhetik überhaupt bedeutete ihm viel. Sein Geschmack war in jeder Hinsicht exquisit – ebenso wie seine Naturhaarfarbe. Seine Haare wirkten wie feine Platinfäden, später mit einem weißen natürlichen Kranz; früher war er blond, mit einem hellblonden Kranz. Trotz seiner feinen Haut und seines feingliedrigen Gesichts mit ein paar heiteren Sommersprossen war er ein sehr männlicher Typ: mit hoher Stirn, großen Händen und Füßen und stahlgrau-blauen Augen, die an die Nordsee erinnerten. Jörg liebte die Nordsee und den Atlantik.
„Jörg war eine wunderbare Erscheinung. Seinen Humor habe ich sehr geschätzt. Jörg hatte die Fähigkeit, einen Raum zu füllen, zu entspannen und aufzuheitern. Jörg war sehr präsent.“ Rosemarie aus München
Mit seinem messerscharfen Verstand und seinen Fragen, die charmant, präzise und ohne persönliche Verletzung die Schwachstellen jeder Projektarbeit trafen, erinnerte mich Jörg oft an eine Figur wie James Bond. Im übertragenen Sinn war er der 007 der Infektionswissenschaft und Molekularbiologie. Seine Waffen waren seine Intelligenz, sein Verstand, sein Wissen – und seine Molekularbiologiepipette. Wer seine Arbeit vor uns präsentierte, hatte großen Respekt vor Jörgs Fragen. Sie trafen, höflich und elegant formuliert, genau ins Zentrum. Seinem schnellen, scharfen Verstand entging nichts. Doch niemals ging es ihm darum, jemanden bloßzustellen. In konstruktiver und angenehmer Atmosphäre wurden Projekte dadurch auf sichere Füße gestellt und nach vorn gebracht. Jörg war immer lösungsorientiert und forderte vor allem zur Diskussion auf. Jede und jeder sollte sich aktiv einbringen, denn nur so entsteht Fortschritt. Dumme Fragen gab es bei uns nicht – denn es gibt keine dummen Fragen. Gute Wissenschaft ist immer mit Können, Wissen und Ehrlichkeit verbunden.
Schon vor SAJO gehörten wir im öffentlichen Dienst zu den „jungen Wilden“ der Wissenschaft. Wir initiierten eine Seminarreihe für regelmäßige Datenpräsentationen mit dem Titel The Young Wilds – für alle, die noch etwas erreichen wollten, und für alle, die aus dem Ausland nach Deutschland zurückgekehrt waren.

Artikel in ZEIT Wissen 2009 „Liebe im Labor – die Engagierten“
Seine Souveränität ließ manche Konkurrenten außerhalb unserer Einrichtung kapitulieren. Innerhalb unserer Forschungseinrichtung profitierte jeder von ihm. Sein schneller, messerscharfer Verstand, seine Eloquenz, sein Wissen und vor allem seine Leistung brachten ihn ganz selbstverständlich in eine starke, nahezu unantastbare Position. Jörg hatte Charisma – und er nahm die Verantwortung, die damit einherging, an. Was er leistete, übertraf jedes Mal alle Erwartungen. Jörg war ein Leistungsträger, der sich um alle Projekte und um seine Teams kümmerte. Auch die Finanzierung – selbst für unsere eigenen Stellen – haben wir immer selbst eingeworben. Wir waren zu hundert Prozent über eigene Drittmittel finanziert: durch EU, Bund und Länder, Industrie und Stiftungen. Das gab uns Unabhängigkeit. SAJO haben wir gegründet, um unsere wissenschaftlichen Ziele auf einem Niveau verfolgen zu können, das uns angemessen erschien. Wir haben immer konsequent auf diese Ziele hingearbeitet.
Sein Interesse führte ihn durch die Wissenschaft der Viren, beginnend mit den Retroviren, dann weiter durch die Bakteriologie, und gegen Ende seines Lebens begann er, sich intensiv in die Literatur zu Parasiten einzuarbeiten. Jörg war ein Vollblut-Biologe aus Leidenschaft.
Sein Durst nach neuem Wissen war unstillbar – bis ihn 2024 ein Schicksalsschlag traf, der unausweichlich zum Tod führte. Die Härte und Grausamkeit des Lebens schlugen zu. Anfang 2024 wurde bei Jörg ein hochaggressives Glioblastom diagnostiziert. Damals wollte er mich aus Rücksicht wegschicken, weil er mir sein Schicksal nicht zumuten wollte. Er wusste genau, was diese Diagnose bedeutete. Aber wie hätte ich die Liebe meines Lebens nach 28 Jahren seinem Schicksal überlassen und mich abwenden können? Das war undenkbar. Es war mir ein Bedürfnis und eine große Ehre, meinen geliebten Mann in seinem letzten Lebensjahr rund um die Uhr zu begleiten und gut für ihn zu sorgen – so, wie wir auch die Jahre davor unser Leben miteinander geteilt hatten. Nach dem Weg, den wir gemeinsam gegangen waren, war es für mich selbstverständlich, auch das letzte Stück mit ihm zu gehen. Jörg hätte es für mich genauso getan.
Wir haben es geschafft, Jörg mit relativ guter Lebensqualität und in Würde durch sein letztes Lebensjahr zu bringen. Bei einer Erkrankung, die so rasch fortschreitet, ist das eine echte Herausforderung. An dieser Stelle danke ich allen, die uns begleitet und geholfen haben. Ohne Sie, ohne Euch hätte ich das nicht so gut geschafft. Vielen Dank – von ganzem Herzen.
Sein Schicksal hat Jörg bis zuletzt in beeindruckender Würde getragen. Er war tapfer und mutig. Die Haltung, mit der er seiner Krankheit begegnet ist, hat mich tief beeindruckt – und nicht nur mich. Der Verlauf dieser Erkrankung ist individuell sehr unterschiedlich. Jörg wurde immer süßer und lieber, und vor allem hat er seinen Humor nicht verloren. Bis zuletzt gab er nicht auf. Er war ein Kämpfer. Aufgeben war für ihn keine Option. Er sagte zu mir: „Ich muss Dich jetzt allein lassen – Pause – und ich bin mit meiner Arbeit noch nicht fertig.“ Ich antwortete ihm, dass ich zurechtkommen würde, dass er das wisse – und dass ich seine Arbeit beenden werde, so wie wir es besprochen hatten. Ich habe es ihm versprochen.
Ich habe ihn immer bewundert für den Menschen, der er war. Aber seit ich gesehen habe, wie er sein Schicksal getragen hat – mit so viel Würde, Mut, Tapferkeit und Haltung –, verehre ich ihn. Jörg war wunderbar, sein ganzes Leben lang. Seine Lebensleistung wird uns noch viele Jahrzehnte begleiten; ebenso werden sein Erfindergeist, seine Kreativität und seine Persönlichkeit in unserer Erinnerung lebendig bleiben. Jörg kann man nicht vergessen.
Am Ende ist Jörg nicht seinem Glioblastom erlegen, sondern den Folgen einer Krankenhausinfektion über den Venenzugang. Seine Tumorerkrankung war im Januar 2025 bereits im Endstadium weit fortgeschritten; er lag auf der Palliativstation und konnte dort medikamentös und neurologisch sehr gut versorgt werden. Mich tröstet nur, dass sein Tod gnädig war, auch wenn er ihn dadurch etwas früher an seinem Bett ereilte. Er ist friedlich eingeschlafen und in Frieden gegangen. Krankenhausinfektionen, resistente Bakterien und mangelnde Hygiene – dort, wo Hygiene ausschlaggebend ist – lassen diese Pandemie still und heimlich weiterlaufen. Die Akzeptanz dieser stillen Pandemie und der Umgang damit in vielen Krankenhäusern in Deutschland haben mich zutiefst erschüttert.
Jörg hatte eine großartige Persönlichkeit. Er war ein absolut integrer Wissenschaftler, der seinen Werten immer treu blieb. Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn war sein Leitfaden im Leben. Fairness und Verlässlichkeit standen bei ihm an oberster Stelle.
Dem Konkurrenzkampf – einem der härtesten auf unserem Fachgebiet – begegnete Jörg auf seine eigene Weise: indem er ihn hinter sich ließ. Er hat alle abgehängt. „Wir haben so viel Wissen und so viele Ideen, wir gehen immer voran.“ Er sollte Recht behalten; der Abstand wurde immer größer. Manche verdanken ihm ihre Karriere. Jörg hatte ein großes Herz, voller Gutmütigkeit und Großzügigkeit. Er hat nie jemandem geschadet. Jörg war brillant. Jörg war genial. Das muss ich heute, rückblickend, sagen.
Menschen, die ihn in ihrer Not um Hilfe und Unterstützung baten, hat er immer unterstützt – gemeinsam haben wir das. Er hat nie jemanden abgewiesen. So kam es, dass wir einige Menschen wissenschaftlich durch ihre schwere Krebserkrankung beraten haben. Wir teilten unser Wissen, damit Schwerkranke an Lebensqualität und Lebenszeit gewinnen konnten. Wir sorgten dafür, dass diese Menschen von passenden Fachärzten gut versorgt wurden.
„Du warst immer da, wenn man dich brauchte. Deine Hilfsbereitschaft und dein gutes Herz werden uns für immer begleiten.“ Christian und Andreas aus Herzogenaurach
Die Interaktion unterschiedlicher Pathogene mit dem Immunsystem faszinierte Jörg. Er erforschte Zoonosen und Artenbarrieren. Wenn solche Barrieren überwunden werden, folgen Epidemien und Pandemien. All diese Krankheitserreger stammen aus dem Tierreich und drängen in neue Wirtsorganismen. Virus-Wirt-Interaktionen und Abwehrmechanismen faszinierten ihn. Auch die verschiedenen Infektionswege beschäftigten uns beide. Über Jahrzehnte arbeiteten wir gemeinsam auf molekularer und zellbiologischer Ebene, entwickelten zahlreiche Techniken und biologische Systeme – weit über den bekannten state of the art und cutting edge of science hinaus. Pushing science forward war unser Motto. Dieses Thema ist weitreichend, mitten in der Immunologie und Evolutionsbiologie. Mit anderen Worten: Es gibt kaum etwas Spannenderes. Uns hat es gefesselt. Jörg war der König der Molekularbiologie. Ich habe in dieser Disziplin keinen talentierteren Molekularbiologen erlebt – verbunden mit großem Arbeitseinsatz und tiefer Leidenschaft. Trotz all seiner anderen Aufgaben hat er sich immer bewahrt, weiterhin selbst im Labor zu arbeiten. Wissenschaft lebte er mit jeder Faser, und sie füllte sein Leben mit unzähligen Stunden. Sie war seine Leidenschaft fürs Leben.
„Ich werde Jörg immer als jungen und talentierten Wissenschaftler mit bemerkenswertem Potenzial in Erinnerung behalten, der sich nicht nur durch seine Leidenschaft und seinen fantastischen Humor auszeichnete, sondern auch durch die tiefe Liebe zur Wissenschaft, die er mit seiner Frau Sabine Breun teilte. Ihre vorbildliche Hingabe zur Wissenschaft ist ihr ganzes Leben lang – und darüber hinaus – wahrhaft inspirierend.“ Delphine aus Frankreich
Seine Wissenschaft bewegte sich auf höchstem internationalem Niveau.
Eine geniale Erfindung war 2007 an unserem Küchentisch abends, nach Entdeckung der regulatorischen T-Zellen 2005 durch Shimon Sakaguchi, wie man falsch aktivierte T-Zellen des Immunsystems gezielt umprogrammieren kann in regulatorische T-Zellen, die das Immunsystem wieder ins Gleichgewicht bringen. Regulatorische T-Zellen sind eine sehr kleine Subpopulation der T-Zellen des Immunsystems, T-Zellen sind die Effektorzellen des Immunsystems und dienen der Abwehr. Durch unsere Erfindung können wir gezielt verhindern, dass transplantiertes Gewebe und Organe, oder Eigengewebe bei Autoimmunerkrankungen, angegriffen werden. Auch bei schweren Allergien kann diese Erfindung zum Einsatz kommen, überall dort, wo T-Zellen falsch programmiert sind. Wir programmieren diese gezielt um. Diese Erfindung war genial. Sakaguchi hat 2025 für die Entdeckung der regulatorischen T-Zellen (Tregs) den Nobelpreis erhalten. Jörg hat das leider nicht mehr erlebt. Er hätte sich sehr gefreut, er wäre „vor Freude aus dem Häuschen gewesen“, genauso wie damals, als Ralph Steinmans Entdeckung der dendritischen Zellen sehr spät aber erst 2011 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Ralph Steinman verstarb kurz vorher an seiner Erkrankung, wir kannten ihn persönlich, denn unsere Arbeit faszinierte ihn. Wir arbeiten auch mit dendritischen Zellen, am Mechanismus der Pathogenübertragung. Wir arbeiten mit allen Immunzellen, modifizieren diese, und programmieren diese um. Immunmodulation nennen wir das. Das Immunsystem ist hoch spannend und wird uns weiterhin beschäftigen, vor allem in Interaktion mit Pathogenen. Spezielle Mechanismen, wie die Reverse Transkription von HIV, die Entdeckung von HIV selbst, oder auch die Entdeckung anderer Eigenschaften wurden mit Nobelpreisen ausgezeichnet. Wir hatten tolle Kolleg*innen, mit denen die Zusammenarbeit sehr viel Spaß gemacht hat.
In den letzten Jahren war unsere wichtigste Erfindung die SAJO-Technologie – eine interdisziplinäre Technologie, ihrer Zeit weit voraus und intellektuell auf höchstem Niveau. Sie ermöglicht uns, neue hochaktive Wirkstoffe gegen Krankheitserreger und gegen Pathogen X – also gegen den Erreger, der die nächste Pandemie auslösen wird – zu finden und zu isolieren. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten im Kampf gegen Infektionskrankheiten, gegen Viren und Bakterien. Sie ist ein game changer in der Vorbereitung auf die nächste Pandemie, auf den schwarzen Schwan der Evolutionsbiologie: zur Behandlung von Infektionen, zur Prophylaxe und als Alternative zu den wenigen vorhandenen Impfmöglichkeiten.
Zu Beginn der COVID19-Pandemie 2020 haben wir die Hilflosigkeit in Deutschland, in Europa und weltweit mit unserem SAJO-Blog aufgefangen, der bis heute sehr gut angenommen wird. Wir haben unser Wissen im Umgang mit hochansteckenden Pathogenen geteilt. Unsere Erfahrung aus dem Sicherheitslabor im Infektionsschutz haben wir in den Alltag übertragen. Jörgs Wissen in Epidemiologie und unser Wissen in Psychologie flossen dort ein. Wir haben versucht, unsere Beiträge mit Witz und einer gewissen Leichtigkeit zu verfassen, damit jede und jeder die Möglichkeit hatte, gut durch diese Pandemie zu kommen – und wenn möglich, nicht an COVID zu erkranken. Denn uns war bewusst, dass wir unser Wissen unseren Talenten, harter Arbeit und einem langen Weg zu verdanken hatten – und dass nur wenige ein solches Niveau erreichen. Unser Blog diente vielen anderen, die sich in den Medien exponieren mussten, zur Orientierung. Der Pandemie waren alle hilflos und schutzlos ausgeliefert. Das zeigen bis heute die Millionen Todesopfer und die zahlreichen Folgeerkrankungen. Der Schaden ist enorm, und dieses Virus ist bis heute gefährlich.
So geben wir der Gesellschaft etwas zurück. Denn wir hatten das Glück, kostenfrei studieren zu können. Jörg und ich waren Kinder, die vom Bildungsangebot in Deutschland in den 1970er Jahren bis zum Ende des Jahrtausends profitiert haben. Wir wünschen uns, dass auch die nächsten Generationen diese Möglichkeiten erhalten und sich zu herausragenden Persönlichkeiten entwickeln können. Menschen wie Jörg tragen unsere Gesellschaft. Sie haben die Fähigkeit, die komplexen Herausforderungen unserer Zeit intellektuell zu lösen. Solche Menschen sind selten. Sie besitzen eine große Gabe, die Bildung, Zeit, Raum und fruchtbaren Boden braucht, um sich entfalten zu können – denn es ist immer auch ein kreativer Prozess. Jörg war so eine Persönlichkeit – ein echtes Vorbild für uns alle.
„Heute jährt sich sein Tod zum ersten Mal. Als Coach hat er mich auf meinem Weg zum Stipendium mit großer Erwartung, Vertrauen und Herz begleitet – dafür werde ich ihm immer dankbar sein.“ Lisa aus Lahr, Schwarzwald
Jörg hatte viele Interessen; seine Neugier und sein Wissensdurst waren unstillbar. Ausführlicher beschreibe ich seine Interessen und seine beziehungsweise unsere Wissenschaft in meinem Buch, das ich gerade schreibe.
Hier nur eine kurze Aufzählung: Wissenschaft, Wissenschaft, Wissenschaft; Genetik und Molekularbiologie; Immunologie; Viren, Bakterien, Parasiten; Evolutionsbiologie; SAJO; Deutschlands Geschichte; Lesen und Musik querbeet – Pop, Rock, Klassik, Jazz und Blues, kein Rap, keine deutsche Schlagermusik; meine Musik auf dem Piano; unser Garten; Vögel; Naturschutzgebiete; Ökologie; Landwirtschaft; Wandern; internationale Küche; unterschiedliche Kulturen; Diskussionen und gemeinsame Unternehmungen; Konzert- und Kulturbesuche; Filme; Sonnenuntergänge im Garten; früher Taekwondo, Schwarzgurt; Radeln, Schwimmen, Beachvolleyball und in der Grundschulzeit Dudelsackmusik.
Seine Lieblingsorte waren sein Labor, unser Garten, List auf Sylt, München, Long Island beziehungsweise Cold Spring Harbor – und überall dort, wo ich war oder seine beziehungsweise unsere Freunde. Der afrikanische Kontinent hat ihn tief beeindruckt. Jörg war dort zuhause, wo ich war – und das beruhte auf Gegenseitigkeit.
Jörg war ein Mensch, mit dem man gut auskam. Er war sehr angenehm, trotz seiner Stärke, und immer aufmerksam.
„Wir haben Jörg in Erinnerung, dass er Kinder liebte und ihnen ruhig und freundlich ermöglichte, Verantwortung zu übernehmen. Unsere Kinder konnten das merken, weil er ihnen nicht nur – mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen – den „heiligen und gefährlichen“ Rasenmäher überließ, sondern immer auch viel über die Welt erklärte, wissenschaftlich, politisch und einfach menschlich.“ Andrea & Bernd – die Nachbarn
Legendär waren Jörgs Humor und sein geistreicher Sprachwitz. Er hatte in jeder Situation Humor und die Gabe, mit seiner sympathischen, rücksichtsvollen Art und seiner Ausstrahlung einen Raum oder eine Gesprächsrunde aufzuhellen und mit guter Atmosphäre zu erfüllen. Das ist eine große Begabung, an die sich viele erinnern. Jörg hat jeden Raum erleuchtet und mit positiver Energie erfüllt. So konnte sich jeder wohlfühlen. Mit ihm war es immer angenehm und sehr unterhaltsam. Auf Meetings wurde unser Tisch stets größer; immer mehr Menschen setzten sich zu uns, weil bei uns viel gelacht wurde. Um Jörg herum war gute Stimmung, und sie war ansteckend.
„Jörg wird uns immer in Erinnerung bleiben, nicht nur als ehrlicher und engagierter Wissenschaftler mit unerschütterlichem Forschungsdrang, sondern auch als guter Freund. Sein trockener, von Sarkasmus und Witz durchzogener „schwäbischer Humor“ sorgte stets für gute Laune, und seine Liebe zu AC/DC und dem VfB Stuttgart war immer wieder Thema in unseren Gesprächen. Wir vermissen ihn sehr und er ist viel zu früh von uns gegangen.“ Dave & Ferda aus Cambridge, Großbritannien
Ihm waren beides wichtig: Gemeinschaft und Alleinsein – zum Nachdenken, Forschen und Schreiben. Er sagte von sich selbst: „Ich kann beides, ich bin wie ein Wolf.“
Jörgs wissenschaftlicher Schreibstil erinnerte an den von Ernest Hemingway: Auf den Punkt, kein Wort zu viel, höchste Dichte an wissenschaftlicher Information.
Sein Weg, in Stuttgart am 24. Mai 1966 begonnen, führte ihn während der Grundschule nach München, dort ans Karlsgymnasium, dann zum Biologiestudium und zur Doktorarbeit an die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), zur GSF – heute Helmholtz Gesellschaft – und nach Wien. Als Wissenschaftler arbeitete er quer durch Europa, dann in den USA an der Ost- und Westküste, im Jahr 2000 mit einem kompetitiv vergebenen NIH-Stipendium nach Maryland, wo wir mehrere Jahre für die Forschung am NIH/National Cancer Institute lebten, später nach Kanada, in die Schweiz und nach Äthiopien. Als eingeladener Sprecher war er überall gefragt. Unsere Arbeiten wurden ausnahmslos ausgezeichnet, in den USA sogar von zwei Nobelpreisträgern. Das hat uns sehr geehrt. In den letzten Jahren bis heute wurde auch SAJO mehrmals pro Jahr ausgezeichnet. Wir danken für diese Anerkennung, die uns sehr viel bedeutet hat – denn wir sind unseren Weg ohne Unterstützung gegangen. Es war ein weiter Weg, und es war unser Weg.
Jörg und ich haben gemeinsam SAJO gegründet, um unsere Wissenschaft auf das Niveau zu heben, das wir erreichen wollten – für den Fortschritt und um unsere Ergebnisse beziehungsweise Produkte im Kampf gegen Infektionskrankheiten der Menschheit anbieten zu können. SAJO ist der Höhepunkt unserer wissenschaftlichen Leistung.
Jörgs Interessen und Aktivitäten waren vielseitig. Er übernahm Verantwortung in der Gesellschaft. Er war einer der wenigen, die den Mut hatten, gegen Extremismus und vor allem gegen Rechtsextremismus aufzustehen – gegen jene Gleichgültigkeit, die sich in der Gesellschaft wie eine Pandemie ausgebreitet und festgesetzt hat. Wir sind überzeugte Demokrat*innen und stehen für ein friedliches, vereintes, starkes und transparentes Europa mit demokratischen, europäischen und sozialen Werten. Das dient dem Wohl aller. Meinungsfreiheit, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Schutz der Umwelt, Schutz persönlicher Daten und ein fairer wirtschaftlicher Wettbewerb sind hohe Güter, die wir nicht verlieren wollen. Das unterscheidet Europa von anderen Großmächten und macht unseren Kontinent lebenswert. Wir glauben an das Potenzial eines vereinten Europas. Jörg zeigte Haltung – und in jeder Situation die richtige. Er war eine mutige Persönlichkeit von einer Größe, wie ich sie nur selten gesehen habe, und er war überzeugter Demokrat und überzeugter Pazifist.
Er engagierte sich auch für unsere Umwelt – für unsere Erde, die Grundlage allen Lebens, unseres Wohlstands und unserer Wirtschaft. In diesem Punkt haben ihn seine Zuversicht und sein sonst so unerschütterlicher Optimismus tatsächlich verlassen. Der Klimawandel, der in vollem Gange ist und mit einem point of no return verknüpft ist, wird unsere Erde verändern und für uns Menschen unbewohnbar machen. „Sicher ist, dass unser Planet weiter existieren wird, ohne die Menschheit.“ Seiner Meinung nach haben sich zwei Dinge durchgesetzt: Unabhängige, sehr gute Wissenschaft verliert an Akzeptanz – man sieht das in den USA –, und politische Netzwerke sowie die Wirtschaft schaffen keine Rahmenbedingungen, die es jedem Einzelnen ermöglichen, dem Klimawandel wirksam entgegenzutreten. Die Bevölkerung war immer gut beraten, sich an unabhängigen wissenschaftlichen Erkenntnissen und am Fortschritt zu orientieren. Das hat uns eine gute Lebensqualität ermöglicht. Von diesem Weg haben sich viele verabschiedet, weil es bequemer ist, sich rückwärts zu orientieren und das System weiter korrumpieren zu lassen. Menschen neigen zur Bequemlichkeit. Deshalb glaubte Jörg nicht an Schwarmintelligenz beim Menschen.
Es sind meist einzelne intelligente Individuen, die Kurskorrekturen auslösen können – und diese haben meist keinen Einfluss. Bis es den Großteil der Menschen erreicht, ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, den wir für unsere Erde verlieren werden oder vielleicht schon verloren haben. Sein Aufruf an die Welt war, sich genau zu überlegen, wen man wählt und wem man die Macht verleiht, die Interessen des Volkes ehrlich zu vertreten und die Bevölkerungen in eine lebenswerte Zukunft zu begleiten.
Love of my Life – it is time to say goodbye
Mein Mann war wunderbar. Er hat mich jeden Tag auf Händen getragen. Wir haben uns in einem Labor in Wien kennengelernt. Damals habe ich im Rahmen eines Praktikums eine seiner Ideen umgesetzt. Schon bevor wir zusammenkamen, sahen unsere Kolleg*innen, dass wir gut zusammenpassten. Wir selbst haben das erst nach mehreren Monaten erkannt – nach Abschluss unserer Projektarbeit. Eine Beziehung am Arbeitsplatz widersprach unseren Prinzipien. Unsere Zusammenarbeit und unsere Begegnung damals hielten weitere 28 Jahre – bis zu seinem Tod.
Wir waren verbunden durch unsere Herzen, durch die Leidenschaft für unsere Wissenschaft und durch gemeinsame Werte. Wir haben voneinander gelernt und konnten all unsere Interessen miteinander teilen. Von da an verliefen unsere Wege parallel. Unsere Partnerschaft war geprägt von bedingungsloser Liebe, gegenseitigem Respekt, gegenseitiger Wertschätzung, Aufrichtigkeit und gelebter Gleichberechtigung. Wir ergänzten uns außergewöhnlich gut; als Team waren wir unschlagbar.

Im Jahr 2002, nach fünf Jahren Partnerschaft, haben wir während unseres Forschungsaufenthaltes in den USA auf Kauai, der Blumeninsel Hawaiis, geheiratet. Es war unser schönster Tag – ganz für uns allein. Dieser Tag war geprägt von der Gastfreundschaft der Einheimischen, von vielen Glückwünschen, von dem wunderbaren Geschenk einer Krone aus Orchideen als Kopfschmuck, von einem wunderschönen Ambiente mit gutem Essen, vielen Blumen und Orchideen und abends von Zweisamkeit. Zehn Tage nur für uns auf der Blumeninsel – Zeit, die wir sonst nur selten hatten. Jörg strahlte die ganze Zeit; wir waren sehr, sehr glücklich. Die Gastfreundschaft der Menschen dort und ihre Lebenseinstellung haben uns tief beeindruckt und unsere Beziehung geprägt. Wie die Hawaiianer*innen liebten wir den Sonnenuntergang. ALOHA. Mahalo!
Jörg, ich liebe Dich so sehr. Du warst nicht nur das Wunderbarste in meinem Leben, sondern auch ein Geschenk für diese Welt und für alle, die Dich persönlich kannten. Gäbe es mehr von Deiner Persönlichkeit und Deiner menschlichen Größe, hätten wir viele Probleme auf dieser Welt nicht. Du wirst für uns alle ein Vorbild bleiben. Du warst ein wunderbarer Mensch: immer positiv nach vorn gerichtet, lösungsorientiert, ein begnadeter Wissenschaftler, einer der besten. Dein großes Herz lässt Dich nie vergessen.

Jörg, Du bist über die Jahre ein Teil meines Herzens geworden. Unser gemeinsames Lebensziel will ich noch erreichen – für alle Menschen. Denn dafür haben wir gelebt und gearbeitet: Du und ich. 28 Jahre, Seite an Seite, Hand in Hand. Du warst wunderbar. Du warst bezaubernd. Du warst brillant. Du warst genial. Dein Herz war erfüllt von Sonne und Wärme. Ich danke Dir für das größte Geschenk, das Du mir machen konntest: 28 Jahre Deines Lebens mit mir zu verbringen, sie mir zu schenken. 28 gemeinsame Jahre, die mich mit unzähligen Sternstunden verzaubert haben, an die ich mich alle erinnere – bis zu dem Moment, an dem ich Dich habe gehen lassen müssen, Love of my Life. Nichts ist mir jemals schwerer gefallen.
Am 28. Januar 2025, an einem Dienstag früh morgens um 2:35 Uhr, war unser gemeinsamer Weg zu Ende. Du bist „ins Licht gegangen“. So hast Du Dich von mir verabschiedet.
Unseren Weg gehe ich weiter. Das habe ich Dir versprochen. Deine Liebe wird mich tragen, unser Lebensziel zu erreichen.
Heute weiß ich, dass unsere Liebe füreinander unendlich ist und immer präsent bleibt. Ich bin Dir unendlich dankbar dafür.
ALOHA. Mahalo. Mein Liebling,
Deine Sabine, für immer
„Liebe Sabine, unsere Gedanken sind bei Dir. Das letzte Jahr war sehr schwer für Dich.
Ein Jahr ist schon vergangen seit Jörgs Tod, doch unsere Erinnerungen an unseren lieben Freund sind nur lebhafter geworden. Er war ein herausragender Mann – klug, neugierig, wissbegierig, freundlich und mit einem feinen Sinn für Humor. Er begegnete seiner Krankheit mit derselben Intelligenz, Belastbarkeit und ruhigen Entschlossenheit, die sein Leben ausmachten.
Jörg wird von allen, die das Glück hatten, ihn zu kennen, für seine Freundlichkeit und echtes Interesse am Leben anderer in Erinnerung behalten. Er hatte eine Art, Menschen sich gesehen und geschätzt fühlen zu lassen – durch Gespräche, stille Unterstützung und gemeinsames Lachen.
Er war zutiefst darum bemüht, die Wissenschaft einzusetzen, um Menschen mit Gesundheitsproblemen zu helfen. Jörg war ein glücklicher Mann, gesegnet mit einem zielgerichteten Leben und deiner Liebe.
Er wird in unseren Erinnerungen immer weiterleben.
Mit all unserer Liebe“, Elena & Oleg aus Maryland, USA
Einen angemessenen Nachruf für den geliebten Partner zu verfassen, ist eine Herausforderung in der Trauer. Ich habe mich bemüht, es hat gedauert, aber jetzt ist er gelungen, denke ich, mit aller Unterstützung unserer Freundinnen und Freunde. Ihr seid spitze!
Mein Dank geht an Bettina & Rainer, Hubert & Kerstin für Feeback, stilistischen Hinweisen und Korrektur. Hubert danke ich auch für seine Anregungen. Danke, meine lieben Freundinnen und Freunde in München, für Euren unermüdlichen Einsatz.
Niko danke ich für seine großartige Hilfe in der Formulierung der Sprache, des Stils, und seinem Feedback. Das Schriftstück ist damit perfekt. Danke für Deine Freundschaft und Wegbegleitung in den letzten 25 Jahren.
Ich danke meinen lieben Freundinnen und Freunden für Eure Unterstützung in dieser schweren Zeit und beim Verfassen eines passenden Nachrufes für meinen, unseren geliebten Jörg. Danke aus vollem Herzen an jeden einzelnen von Euch. Ihr seid einzigartig und großartig. Es ist mir sehr wichtig, Euch das zu sagen, in tiefster Verbundenheit und Freundschaft.
Danke an Dave für Deine Hilfe bei der Übersetzung ins Englische, für die richtige Wortwahl als native speaker. Es bedeutet mir viel.
An Alle: Passt auf euch auf und bleibt gesund. Ich setze unseren Weg fort, wie ich Jörg versprochen habe, mit all meiner Kraft und Leidenschaft, denn SAJO inspiriert mich. SAJO bleibt und wird uns für kommende Generationen begleiten. Der SAJO Master 42 wird die stärkste Waffe gegen Infektionskrankheiten und Pandemien sein. Es lohnt sich, dafür zu leben.
SAJO – für eine gesunde und bessere Zukunft!
Blog post No. 265

